Die Angst vor dem nächsten Tief

Jeder Mensch hat einmal ein paar schlechte Stunden oder Tage, manchmal sogar Wochen. Das ist ganz normal.

Als Depressiver ist es nichts normal. Ein paar schlechte Stunden können immer der Anfang der nächsten depressiven Episode sein.

Gibt es einen Unterschied? Nein! Mit der Zeit, sagen die Psychologen, lernen wir Zeichen einzuschätzen. Wir merken irgendwann, das die schlechte Phase länger andauert, dass Freude weniger wird, die Tränen mehr. Dass der Körper träge wird, der Kopf matschig, die Gedanken kreisen.

Es ist schwierig, einen schlechten Tag nur als schlechten Tag zu sehen. Die Fragen im Kopf hämmern. Muss ich sofort gegensteuern? Muss ich eine meiner Dutzend Übungen machen, die mir bei Therapien nahegelegt wurden? Darf ich einfach nur schlecht drauf sein, es hinnehmen, nichts tun? Und wenn ja, wann ist der Punkt erreicht, in dem genau dieses – für andere normale – Verhalten direkt in die nächste depressive Episode schlittert?

Schlimmer als der schlechte Tag ist die Angst vor der Rückkehr der Krankheit.Vor dem Loch, dem täglichen Kampf, den intensiven Gefühlen, der Leere, der Traurigkeit, der Freudlosigkeit, der Trägheit, der Disziplinlosigkeit, der Unkonzentriertheit, der Schlaflosigkeit.

In meinem Erwachsenenleben, seit der Diagnose 2007, ist die Depression zehnmal zurückgekommen; zumindest habe ich es zehnmal bewusst nach symptomfreien Phasen erlebt. Die letzte kurze depressive Episode war von Dezember bis April. Anfangs kam sie alle zwei Jahre: 2007, 2009, 2011. Dann kam sie in kürzeren Abständen: 2012, dreimal 2013, dauerhaft in 2014 mit dem langen Klinikaufenthalt. 2015 einmal, dann über den Jahreswechsel.

In den vergangenen Wochen, sagt meine Therapeutin, habe ich einen großen Schritt gemacht. Ich habe mir Stück für Stück Freiheit von mir selbst erkämpft. Ich habe mir erlaubt, Dinge zu tun, die nicht der Super-Duper-Vorzeige-Frau entsprechen. Ich habe mir Pausen gegönnt, ich habe Abende auf dem Sofa bei Mädchenfilmen mit Schokoladeneis genossen, ohne schlechtes Gewissen, dass ich auch etwas sinnvolles tun könnte.

In meinem Umfeld sind viele der Ansicht, dass dieser Wandel aus meinem Inneren herauskommt. Ich auch. Früher, das sind die ersten Schritte, habe ich mir immer wieder laut vorgesagt, dass ich gewisse Dinge darf. Inzwischen habe ich sie verankert. Ich habe mich selbst losgelassen, befreit, ich habe aufgehört, mein Leben durchzustrukturieren und durchzuplanen. Ein bisschen mehr treiben lassen.

Die letzten Wochen waren intensiv für mich, sie waren anstrengend, voller Motivation, voller Ziele, Träume, Glücksmomente, voller Pläne, Vorfreude und Spaß. War es zu viel? Hat mein Körper keine Kraft mehr? Kann ich dieses Programm dauerhaft aufrechterhalten?

Vielleicht ist es gar nicht relevant, ob ich das dauerhaft aufrecht erhalten kann. Vielleicht zählt nur, dass es mir in den letzten Wochen genau so gut getan hat. Vielleicht mache ich morgen etwas ganz anderes, werfe Pläne über Bord.

Aber vielleicht ist das heute auch einfach nur ein schlechter Tag. Ich rede es mir ein. Wie ich mir eingeredet habe, dass ich mir gewisse Dinge erlauben darf. Irgendwann werde ich es glauben. Nicht heute, aber irgendwann. Es ist ein Kampf, es ist anstrengend, es kostet Kraft, es ist Arbeit. Die Arbeit mit sich selbst. Aber dann verschwindet vielleicht auch irgendwann diese große Angst vor dem Rückfall, die viel bedrohlicher ist als der schlechte Tag an sich.

Es wäre wieder ein Stück mehr Freiheit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s